Sich selbst eingewiesen

Karin Schmidt war eine erfolgreiche Ärztin – und alkoholabhängig / Geholfen hat ihr keiner

ANDREAS STREIM

WENDISCH RIETZ – Was ein Alkoholiker ist, davon hatte Karin Schmidt (Name geändert) ein klares Bild. Wenn sie bei ihren Einsätzen als Anästhesistin im Rettungswagen mal wieder in eine Wohnung kam wo sich die Bierdosen stapelten und ein lebloser Körper auf der Couch zu behandeln war, sagte sie sich: „So sieht ein Trinker aus.“ Nicht so wie sie selbst: Ende 30, feste Anstellung, belastbar. Mit dem abschreckenden Beispiel des trinkenden Vaters vor Augen war sie bis zum Studium ohne einen Tropfen Alkohol ausgekommen. Danach trank sie nur Sekt und Wein, sonst nichts – und das auch nicht jeden Tag. Zwar fand sie dann kein Maß mehr, wurde aggressiv und soff bis zum Filmriss. Aber trotzdem hatte sie doch mit dem „Penner mit der Bierbüchse“, wie sie sagt, nichts gemein.

„Ich habe viel Kraft aufgebracht um zu beweisen, dass ich nicht süchtig bin“, sagt Schmidt heute. Sie sitzt im Garten der Oberberg-Kliniken in Wendisch Rietz (Oder-Spree) mit Blick auf den idyllischen Großen Glubigsee und erzählt, nachdem ihre erste Therapie in der Spezialklinik für Suchtkrankheiten fast ein Jahr her ist, ganz profesionell-distanziert. Von „Kontrollverlust“, wenn sie nach einem Glas nicht mehr aufhören konnte zu trinken, und „Suchtdruck“, wenn sie bei Problemen den inneren Zwang verspürte, zur Flasche zu greifen. Doch der Weg zu dieser Erkenntnis war weit. „Es war für mich ein unauflösbarer Widerspruch: Ich kann doch nicht Arzt und Alkoholiker zugleich sein“, sagt Schmidt.

Für Bernd Sprenger eine typische Reaktion. „Ärzte lernen schon in ihrem Studium, eigene Krankheiten zu ignorieren“, sagt der Chefarzt der Oberberg-Klinik Berlin-Brandenburg. „Daraus wird dann eine innere Haltung von Unverwundbarkeit“. Dabei litten Mediziner überdurchschnittlich oft an Suchterkrankungen. Während bundesweit in allen Branchen etwa fünf Prozent der Beschäftigten ein Abhängigkeitsproblem haben, seien es bei Ärzten je nach Erhebung sieben bis acht Prozent. Der Grund: die Belastung durch unregelmäßige Arbeitszeiten und Mehrfachschichten, die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit an den immer bereitstehenden freundlichen Halbgott in Weiß sowie der Druck, auf keinen Fall einen Fehler machen zu dürfen. Rund 25 000 Mediziner sind den Schätzungen zufolge bundesweit abhängig. „Und die Dunkelziffer ist hoch“, so Sprenger. Denn über Alkoholismus oder Tablettensucht wird nicht gerne gesprochen.

Manche Patienten wissen Bescheid

Bei Brandenburger Ärztefunktionären heißt es dazu, das sei eine „schwierige Kiste“. Hinter vorgehaltener Hand wird bestätigt, dass es „eine Reihe von Ärzten im Land gibt, die solche Probleme haben“. Bei einigen, vor allem auf dem Land, wüssten die Patienten sogar Bescheid, aber es werde „akzeptiert“. Die Landesärztekammer arbeitet immerhin an einem Hilfsprogramm für abhängige Ärzte, das „weit fortgeschritten ist“, wie Gudrun Richter aus der „Koordinierungsgruppe gegen Suchtgefahren“ der Ärztekammer sagt. Sollte das Programm vom Vorstand beschlossen werden, wäre „Brandenburg damit das zweite Bundesland nach Hamburg“, so Richter, das Unterstützung bei Therapie und Nachsorge anbietet.

Solche Hilfe hätte Karin Schmidt gebrauchen können. Freunde und Bekannte sahen geflissentlich weg, wenn sie mal wieder sturzbetrunken war. Und wenn sie doch einmal jemand ansprach, hat sie alles wütend von sich gewiesen – weil es ihr peinlich war. „Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass ich ein Problem habe, und begonnen, Suchttherapeuten aufzusuchen“, sagt sie. Doch keiner der Fachärzte habe ihr Problem ernstgenommen. Von „Kollege zu Kollege“ sei ihr dort gesagt worden, dass sie zwar vielleicht „eine Suchtgefährdung“ habe, aber doch nicht süchtig sei. Als sie einmal vorschlug, ob sie nicht vielleicht doch eine Selbsthilfegruppe besuchen sollte, sagte der Arzt auf der anderen Seite des Schreibtischs nur: „Das ist doch unter Ihrem Niveau.“ So ließ sie es bleiben – und war irgendwie auch froh und beruhigt, sich das Alkoholproblem nicht endgültig eingestehen zu müssen.

Aber es wurde schlimmer. „Ich habe immer getrunken, wenn ich Ärger hatte“, sagt Schmidt. Probleme im Job, in der Beziehung. Während der Arbeit hat sie keinen Tropfen angerührt, nur zu Hause. „Dann war ich aber auch schon mal Samstagmorgen völlig betrunken“, erinnert sich Schmidt. Und dann kam die Angst. „Mein Alptraum war, dass mein Chef anruft und sagt: Sie müssen einspringen, jemand ist krank geworden – und ich bin betrunken.“ Wenn sie zu viel getrunken hat und zum Schichtbeginn noch Restalkohol im Blut hatte, meldete sie sich schon mal krank. Manchmal rief ihr damaliger Mann an und log für sie. „Dann kam das schlechte Gewissen den Kollegen gegenüber dazu.“

Am Ende hat der Job Karin Schmidt „geradezu gerettet“, meint sie. Denn weil die Angst, doch irgendwann betrunken zur Arbeit zu gehen und einen nicht wieder gut zu machenden Fehler zu begehen, immer größer wurde, fasste sie einen Entschluss. „Ich habe in der Ärzte-Zeitung eine Anzeige der Oberberg-Kliniken gelesen und mich selbst eingewiesen“, erinnert sich Schmidt.

Die Klinik schickt die Kündigung

Für Chefarzt Sprenger eine gute Entscheidung, aber eine ungewöhnliche. Die meisten Patienten kämen aufgrund von – mehr oder weniger sanftem – Druck ihres Umfelds. Die Klink mit 60 Betten hat sich unter anderem auf die Behandlung von Suchtkranken Medizinern spezialisiert. „Man muss ihnen helfen, überhaupt in die Patientenrolle zu kommen“, erläutert Sprenger die Unterschiede zu „normalen“ Suchtkranken. Außerdem biete man Unterstützung bei Gesprächen mit der Ärztekammer oder dem Chefarzt, denn Alkoholismus kann den Entzug der Aprobation bedeuten – und damit de facto ein Berufsverbot.

Ihre Approbation hat Karin Schmidt behalten, ihren Job hat sie durch die Sucht aber verloren. Als die Krankschreibung nach Beginn der Therapie bei ihrem Arbeitgeber einging bekam sie prompt die fristlose Kündigung. „Ich war noch in der Probezeit“, sagt Schmidt bitter, „aber ich habe meinen Job immer gut gemacht.“ Doch die Klinikleitung hatte Angst um den guten Ruf in der kleinen Stadt. Trotzdem würde sie alles wieder so machen. Inzwischen hat sie eine neue Beziehung, einen neuen Job in einer neuen Stadt und ein neues Leben – ohne Alkohol. „Wie jeder Kranke richte ich mein Leben danach aus“, sagt Schmidt. Bei Feiern oder Einladungen lehnt sie selbst den kleinsten Schluck ab, regelmäßig besucht sie eine Selbsthilfegruppe der anonymen Alkoholiker. Das ist der beste Tipp, den sie Betroffenen geben kann: Mit Leuten sprechen, die die Probleme selbst durchgemacht haben. Ihr Fazit bleibt dennoch ernüchternd: „Leicht gemacht wird es einem nicht.“

Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung vom 03.06.2004

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