Mit der Forderung nach Moral kommt man nicht weiter

Managergehälter lassen sich nicht von der Politik festlegen – und nicht jeder verdient so gut wie Schrempp und Ackermann

ANDREAS STREIM

Die deutschen Manager haben derzeit einen schweren Stand. Die Freisprüche im Mannesmann-Prozess um Millionen-Prämien und die Debatte über ihre hohen Jahresgehälter angesichts von tiefen Einschnitten bei den Beschäftigten lassen Politiker über fehlende „soziale Symmetrie“ und „Raffke-Mentalität“ poltern. Zweifellos, die Volksseele kocht. Für die meisten Menschen ist schwer nachvollziehbar, warum Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann pro Jahr geschätzte 7,7 Millionen Euro einstreichen darf, sein Kollege Jürgen Schrempp von Daimler-Chrysler immerhin noch stolze 4,9 Millionen Euro. Ein Daimler-Arbeiter am Sindelfinger Fließband – sicher nicht der schlechtbezahlteste Arbeiter der Republik – kommt dagegen nur auf 42 000 Euro, egal wie krumm er sich legt.

Eine Obergrenze per Gesetz

Ungerecht und unmoralisch sei das, heißt es unisono. Der frühere SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel rechnete vor, dass „in der Vergangenheit“ ein Vorstandschef das 20- oder 30-fache eines Facharbeiters überwiesen bekam, heute sei es das 200- bis 370-fache. Sein Vorschlag: Notfalls per Gesetz die Bezüge auf das maximal 100-fache des Arbeiterlohns festschreiben. Das wirft allerdings Fragen auf: Warum nicht wie früher nur das 20-fache? Oder doch das 50-fache? Oder das 200-fache? Wo fängt Moral an, wo hört Gerechtigkeit auf? Und wie soll so eine Deckelung überhaupt praktisch erfolgen, damit sie vor dem Bundesverfassungsgericht Bestand hätte? Und warum regt sich eigentlich niemand über die hohen Sportlergehälter auf, etwa die 8,84 Millionen Jahressalär von Bayern-Torhüter Oliver Kahn?

Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) erinnert deshalb die Politiker daran, dass die Konzernlenker nicht vom Staat bezahlt würden, wie die Volksvertreter, sondern von Unternehmen, wie die Sportler. „In einer Marktwirtschaft kann man den Eigentümern nicht vorschreiben, wie sie ihre Angestellten bezahlen“, so Kurz.

Und Deutschland liegt nicht einmal ganz vorne. Ackermanns Schweizer Kollege Peter Wuffli von der Großbank UBS verdiente 2003 rund 14 Millionen Euro, bei der Credit Suisse wird die Spitze mit 15,4 Millionen Euro bezahlt. In den USA kommen selbst dreistellige Millionengehälter vor. Durchschnittlich verdienen die Chefs der 30 größten deutschen Unternehmen, die im Deutschen Aktienindex (Dax) gelistet sind, 2,52 Millionen Euro – etwas weniger als im europäischen Schnitt von 3,04 Millionen Euro.

Die öffentliche Debatte wird derzeit offensichtlich an zwei Extrembeispielen – Schrempp und Ackermann – geführt. Viele andere Vorstandschefs verdienen gar nicht so exorbitant viel. Bei der vorgeschlagenen Regel eines 100-fachen Facharbeitergehalts könnten sie ihr Geld glatt behalten.

Die Mehrzahl hüllt sich in Schweigen

Die moralisch aufgeladene Debatte über die Manager-Gehälter könnte man deshalb als „Sommertheater“ abtun – doch es gibt einen Ansatzpunkt für wirklich weiterführende Reformen. Größtes Problem derzeit ist nämlich, dass die Bezüge der meisten Dax-Vorstandschefs gar nicht bekannt sind, sondern nur geschätzt werden. Von den 30 Dax-Firmen veröffentlichen nur elf die Gehälter ihrer Chefs, 19 weisen nur die Summe für alle Vorstände aus, die wenig Rückschlüsse zulässt. Und dass, obwohl sich Wirtschaft und Politik auf einen so genannten „Corporate Governance Codex“ geeinigt haben, in dem genau diese Transparenz gefordert wird.

Wenn die Bundesregierung diese bislang freiwillige Regelung verpflichtend machen würde, wäre eine Menge gewonnen. Dann erst könnten die Aktionäre sehen, was „ihre“ Angestellten verdienen. Und entscheiden, ob ihnen deren Arbeit das Geld wert ist.

Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung vom 29.07.2004

Nächster Beitrag
Vorheriger Beitrag