Maastricht-Blues

ANDREAS STREIM

Die Deutschen werden immer blöder. Nicht nur die Kinder, von denen wir seit Pisa wissen, dass sie weder lesen noch schreiben können. Auch die Erwachsenen. Wer kauft sich heute noch ein Buch und müht sich mit vielen schweren Worten auf gedrucktem Papier ab? Schließlich gibt es fast jeden Bestseller als Hörbuch auf CD. Ein Trend, dem sich selbst Unternehmen nicht mehr verschließen wollen. Die Deutsche Leasing verschickte kürzlich einen „Audio-Geschäftsbericht“, ein echter Bilanz-Quickie. Wozu also noch lesen? Selbst Geschäftsleute werden künftig Gewinn-und-Verlust-Rechnungen hören. Hie und da wird man jemanden leise ein paar rote Zahlen vor sich hinsummen hören. Die größten Hits werden in Online-Tauschbörsen gedealt („biete BASF 2005, suche BMW 2004“). Und ganz sicher wird es richtige Klassiker geben, etwa Jürgen Schrempp liest seine letzte „Daimler-Bilanz des Schreckens“, oder Deutsche-Bank-Boss Josef Ackermann gibt „Die 25-Prozent-Rendite – eine Ode an 2005“ als Sprechgesang. Und endlich wird ein Lächeln das frustrierte Land der früheren Dichter und Denker erhellen, wenn der Finanzminister eine Melodie auf das Haushaltsloch anstimmt: Eichel singt den Maastricht-Blues – leider erhältlich nur als Maxi-Doppel-CD.

Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung vom 27.08.2005

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