Die Namen kennt niemand

Firmen aus der Prignitz gehören zur Weltspitze, aber kaum einer weiß es

ANDREAS STREIM

FALKENHAGEN – Das Gras steht kniehoch. Grüne Idylle, so weit das Auge reicht. Unterbrochen nur von den sauber geteerten Straßen, flankiert von akkurat angelegten Parkbuchten, in denen wohl noch nie ein Auto gestanden hat. Dazwischen einige Flachbauten. Das Gewerbegebiet Falkenhagen (Prignitz), unweit der Autobahn24 zwischen Berlin und Hamburg, ist nach der Wende mit 370 Hektar gigantisch geplant worden – und heute nicht mal zu einem Viertel belegt. Für viele Sinnbild des gesamten Landkreises: Landschaft statt Industrie.

„Jammern kann jeder“, sagt Uwe Büttner. Der 46-jährige Geschäftsführer der Wirtschaftsfördergesellschaft Prignitz kann die Leier von der industriefreien Zone nicht mehr hören. Er sitzt hinter seinem Schreibtisch in einem schmucken Backsteinbau im Wittenberger Gewerbegebiet und hält dem Besucher eine Firmenbroschüre nach der anderen unter die Nase.

„Cleo Schreibgeräte, schon mal gehört?“, fragt Büttner provozierend. 75 Beschäftigte produzieren in Bad Wilsnack hochwertige Füller, mit denen sogar der Papst und Ex-Bundespräsident Johannes Rau schreiben. Die Prignitzer Chemie stellt in Wittenberge Fette her, die in praktisch allen Produkten der Weltmarke Henkel vorkommen. Die Meyenburger Möbel GmbH fertigt für Ikea die begehrten Billy-Regale. Die KMG Kliniken in Bad Wilsnack beschäftigen in mehreren Bundesländern knapp 2000 Menschen. Unternehmen um Unternehmen zählt der Wirtschaftsförderer auf, ohne Punkt und Komma.

Warum kennt dann jeder Rolls-Royce in Dahlewitz (Teltow-Fläming), aber niemand diese Prignitzer Firmen? „Wir haben keine Markenlabels“, sagt Büttner. Was er damit meint, zeigt die Firma Concert im Gewerbegebiet Falkenhagen. „Always ultra, das sind wir“, sagt Geschäftsführer Rolf Hövelmann nicht ohne Stolz. Seine Firma, die am 23. April 1998 die erste Rechnung verschickt hat, ist heute mit 284 Beschäftigten europaweiter Marktführer für so genannte Airlaid-Produkte. Diese leichten und saugfähigen Zellulosefasern finden sich in allen Hygieneartikeln, aber auch Servietten werden daraus hergestellt. Die Produkte, in denen Concert drin steckt, kennt jeder aus dem Supermarkt, doch der Name steht auf keiner Packung.

„Wir haben mehr als 4000 Unternehmen in der Prignitz“, betont Edelgard Schimko, Fachbereichsleiterin Wirtschaft beim Landkreis. Selbst das Gewerbegebiet Falkenhagen sei zwar viel zu groß – „wir hatten gute Berater aus dem Westen“, sagt sie zynisch – aber kein Flop. Fast 60 Hektar sind immerhin verkauft, mehr als 1000 Jobs entstanden. Im Umfeld der Gemeinde Falkenhagen – mit gerade mal 270 Einwohnern.

Büttner und Schimko ist anzumerken, wie sehr es sie stört, dass ihr Landkreis allenfalls in einem Atemzug mit der Uckermark genannt wird. Wenn es darum geht, wo Förderung bei allem Bemühen wenig erreichen kann. „Für Potsdam ist in Neuruppin Schluss mit Brandenburg“, sagt Büttner bitter. Das sei eine Folge der DDR, denn damals gehörte die Prignitz nicht zum Bezirk Potsdam, sondern zum Bezirk Schwerin. Das wirke nach.

Doch daran allein liegt es natürlich nicht. Wer von Falkenhagen zu Wirtschaftsförderer Büttner will, muss sich über die landschaftlich traumhaft schöne, aber verkehrspolitisch albtraumhafte B189 hinter Dutzenden Lkw herquälen. Deshalb ruhen die Hoffnungen vieler Unternehmer auf der Autobahn14, die Magdeburg über Wittenberge mit Schwerin verbinden soll, obwohl manche Wirtschaftsforscher skeptisch sind, ob wirklich die erhofften Ansiedlungen kommen.

In Wittenberge fallen sofort die vielen leerstehenden Altbauten in der Innenstadt auf, in den Randbezirken werden sogar bereits sanierte Neubauten abgerissen. Die Abwanderung fordert ihren Tribut. Von den knapp 28 000 Einwohnern 1990 sind noch rund 20 000 übrig. „Die Ölmühle, die Nähmaschinenfabrik und die Zellwolle, alle nach der Wende platt gemacht“, erzählt Büttner. 4000 Jobs weg. „Die Industriearbeiter sind weggezogen.“

Die Prignitz brauche den traditionsreichen Industriestandort, und Wittenberge deshalb dringend eine Ansiedlung, die entsprechende Zulieferindustrie mit sich bringe – so wie Daimler-Chrysler in Ludwigsfelde (Teltow-Fläming). Der größte Arbeitgeber, das Bahn-Ausbesserungswerk mit 800 Beschäftigten, kauft kaum in der Region zu. „Aber das liegt auch an den Firmen vor Ort, die bisher keine Angebote machen“, sagt Schimko.

Concert-Chef Hövelmann glaubt an den Standort: „Die Region liegt in der Mitte Europas, wenn man Skandinavien und Osteuropa mit berücksichtigt.“ Wenn er aus seinem Bürofenster auf die weite grüne Fläche im Gewerbegebiet schaut, steht für ihn fest: „Die Prignitz hat mehr verdient.“

Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung vom 23.08.2004

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