Der weiße Fleck

In Märkisch-Oderland dominiert die Landwirtschaft / Warten auf Ryanair

ANDREAS STREIM

SEELOW – Links blühen die Sonnenblumen. Rechts Traktoren auf den Getreidefeldern. Die schmale Allee macht eine Rechtskurve und gibt den Blick frei über die Äcker, die sich bis zum Horizont erstrecken. Eine Reise nach Märkisch-Oderland bietet malerische Landschaft – aber sie ist eine Reise ins Nirgendwo. Der Landkreis ist ein weißer Fleck, zumindest auf der Förder-Landkarte des Brandenburger Wirtschaftsministeriums.

Nur an den westlichsten Punkten des Kreises, in Strausberg und Rüdersdorf, in direkter Nähe zu Berlin mit Straßenbahn- und S-Bahn-Anschluss, werden so genannte „Branchen-Schwerpunktorte“ ausgewiesen. Dahinter: gähnende Leere. In keinem anderen Landkreis sieht es so düster aus. Mit Mühe lassen sich unter den 100 größten Arbeitgebern Brandenburgs drei aus Märkisch-Oderland finden. Der wichtigste: die öffentlich-rechtliche Sparkasse mit 362 Beschäftigten. Dahinter kommen noch die Rüdersdorfer Zement GmbH und die Märkische Industrie-Bau GmbH in Wriezen, die landesweit den 99. Platz belegt.

„Man muss die Fakten akzeptieren“, sagt Jörg Schleinitz. Der Wirtschaftsförderer des Kreises, der im schmucken neuen Landratsamt in der Kreisstadt Seelow sein Büro hat, macht keinen frustrierten Eindruck. Mit dem Finger zieht er eine Linie auf der Karte und trennt so die kleine berlinnahe Ecke des Kreises vom Rest: „Auf diesem kleinen Platz wohnen genauso viele Menschen wie im restlichen Kreis.“ 30 Einwohner pro Quadratkilometer in der Fläche stehen etwa 350 in der Region um Hoppegarten gegenüber. Umgekehrt ist es mit der Arbeitslosigkeit: Je weiter von Berlin, desto höher.

Die Wirtschaft sei im ländlichen Bereich eben vom kleinen Handwerk geprägt und von der Landwirtschaft, wehrt Schleinitz die Frage nach möglichen Großinvestitionen ab. Wegen des lehmhaltigen Bodens, der besser als der sonst so sandige Boden der Mark das Wasser speichert, galt Märkisch-Oderland seit jeher als „Gemüsegarten Berlins“.

Wegen dieser Nähe zum Rohstoff hat aber die Frenzel Oderland-Tiefkühlkost GmbH in Manschnow ein Werk errichtet und exportiert ihre Produkte sogar bis nach China. „Vor der Wende gab es da nichts“, sagt Schleinitz nicht ohne Stolz. Und in Neutrebbin wurde schon immer Geflügel gemästet, zeitweise sei „jede dritte in Deutschland geschlachtete Ente“ aus dem Ort gekommen. Und dann ist da ja noch die Baubranche. Das Zementwerk in Rüdersdorf zum Beispiel, das schon seit mehr als 750 Jahren Grundstoff zum Bauen liefert, oder die Ziegelei in Bad Freienwalde. Steffen Kammradt, Sprecher des Potsdamer Wirtschaftsministeriums, will deshalb vom „weißen Fleck“ auf der Förderkarte nichts wissen. Mittelstand werde im ganzen Land – auch in Märkisch-Oderland – zu Höchstsätzen gefördert. Aus der Karte lasse sich nur ablesen, wo es Bündelung von Kompetenz gibt.

Wenn man Wirtschaftsförderer Schleinitz aber nach seinen Visionen fragt, zuckt er merklich zusammen. „Wenn es in Neuhardenberg klappen würde, das wäre schon ein Riesenerfolg“, sagt er dann. Denn in dem Ort rund eineinhalb Stunden Autofahrt von Berlin entfernt, will der irische Billigflieger Ryanair ein Drehkreuz errichten. Mehr als 500 Jobs könnten entstehen. Viel für die strukturschwache Region. Bürgermeister Mario Eska schwärmt von der „wichtigsten Infrastrukturmaßnahme im Landkreis“. Allein: Die Landesregierung spielt nicht mit und erlaubt keinen Linienverkehr vom früheren DDR-Regierungsflughafen aus – weil es einen zentralen Großflughafen in Schönefeld (Dahme-Spreewald) geben soll.

Neuhardenbergs Flugplatzchef Dieter Vornhagen, der das riesige Areal gekauft hat, will das nicht akzeptieren und klagt vor Gericht. Er sitzt im ersten Stock des Flachbaus, der als Verwaltungsgebäude dient, und kocht: Eine „absurde Blockadehaltung“ der Politik sei das. Er verlange schließlich nicht einen Cent Fördermittel, sondern nur die Erlaubnis, ein unternehmerisches Wagnis einzugehen. Wie ein Großgrundbesitzer führt Vornhagen Besucher über seinen Flughafen: Hier der zweitgrößte Hangar in Ostdeutschland mit Platz für drei Boeing 737, dort ein Vorfeld, auf dem 21 Großflugzeuge parken können, sechs Kilometer Rollbahn, 48 Unterstände für Mig-Kampfflugzeuge. Er verdient derweil sein Geld mit der Vermietung der Räume an Firmen, die hier produzieren oder Waren lagern, und an Liebhaber, die alte Düsenjets restaurieren. Für schwarze Zahlen reicht das, doch jeder Euro wird in den Ausbau des Geländes gesteckt. Damit es irgendwann losgehen kann.

Zukunftsmusik, bestenfalls. Wirtschaftsförderer Schleinitz muss sich mit der Gegenwart beschäftigten: „Der EU-Beitritt Polens hat uns die Chance eröffnet, aus unserer Randlage herauszukommen.“ Die Bundesstraße 1 sei gut ausgebaut, fast alle Ortsumgehungen sind fertig – allerdings können am Grenzübergang Kystrin nur Lkw bis 7,5 Tonnen abgefertigt werden. Das schrecke ansiedlungswillige Firmen aus der Speditionsbranche ab.

Und noch ein Problem stellt sich. Auf der anderen Oder-Seite gibt es nichts. Keine größere Stadt, keine Autobahn oder Schnellstraße und damit keinen interessanten Handelspartner. Nur ein weiterer weißer Fleck auf der Landkarte.

Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung vom 22.08.2005

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