Der Mann, der nicht genannt werden will

Eine Geschichte über einen Potsdamer Rechtsanwalt, die Pleite einer Luckenwalder Firma und Kreativität in der Marktwirtschaft

ANDREAS STREIM

POTSDAM – Das Fax aus der Potsdamer Anwaltskanzlei an die Redaktion der „Märkischen Allgemeinen“ ist eindeutig formuliert: „ Mein informelles Selbstbestimmungsrecht und meine berufliche Tätigkeit gestatten eine Nennung meiner Person, auch mit Kurzbuchstaben, aus denen ich unzweifelhaft identifizierbar bin, in der Presse nicht. Ich bin keine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens.“ Deshalb soll hier nur von einem namenlosen Rechtsanwalt die Rede sein. Und von seiner Rolle, die dem an Merkwürdigkeiten ohnehin nicht armen Insolvenzverfahren der Firma HC Kunststofferzeugnisse GmbH aus Luckenwalde (Teltow-Fläming), ehemals Hesco, noch einige weitere Merkwürdigkeiten hinzufügt.

Um zu verstehen, worum es geht, muss man sich zunächst auf eine Zeitreise begeben: Am Anfang steht das Traditionsunternehmen Hesco Kunststofferzeugnisse Helmut Schulze & Co. GmbH. Gesellschafter sind Anfang 2003 mehrere Mitglieder der Familie Reiche: Birgitt Reiche, die auch als Geschäftsführerin firmiert, ihre Mutter Käthe Schulze, Ehemann Klaus Reiche, Tochter Katherina Reiche, Sohn Felix Reiche. Katherina ist Brandenburger CDU-Bundestagsabgeordnete, Birgitt Mitglied der CDU-Fraktion des Kreistages. Doch die Geschäfte der Firma gehen schlecht, von „enormen wirtschaftlichen Problemen“ ist die Rede, Birgitt Reiche sprach von „erdrückenden Lohnkosten“ der 62 Beschäftigten.

Es folgt eine zweifelhafte Rettung: Ende Mai werden alle Gesellschafteranteile auf Birgitt Reiche übertragen und die Firma in HC Kunststofferzeugnisse GmbH umbenannt. Zugleich wird ein neuer Geschäftsführer bestimmt. Mit Henry Jantzen übernimmt ein Maurer aus Treuenbrietzen (Potsdam-Mittelmark) das Amt, der zum damaligen Zeitpunkt bereits mehrere andere Firmen in die Insolvenz geführt hatte. Der neue Chef entlässt die Beschäftigten und verlegt danach den Firmensitz ins Dorf Horla in Sachsen-Anhalt, bevor er beim Amtsgericht Halle Insolvenz beantragt.

Kurz darauf, am 15. September, nimmt in der alten Fabrikhalle in Luckenwalde mit den alten Maschinen und nur noch 35 Leuten eine neue Firma die Produktion auf: die Hesco Kunststoffverarbeitung GmbH mit Birgitt und Felix Reiche als Gesellschafter und Klaus Reiche als Geschäftsführer.

Das könnte das Ende einer Geschichte sein, wie sie sich nach Expertenmeinung tausendfach jedes Jahr ereignet – und die man gemeinhin Firmenbestattung nennt. Ein in Schieflage geratenes Unternehmen überträgt alle Werte an eine neue Gesellschaft und übergibt eine praktisch leere, wertlose Hülle einem Strohmann, der dann das Insolvenzverfahren einleitet – und die Schlange stehenden Gläubiger bleiben auf ihren Forderungen sitzen. Rechtlich zulässig ist das nicht, aber in der Praxis schwer zu verfolgen und nur selten nachzuweisen.

Anklageschrift mit 145 Seiten

Der am Anfang genannte Anwalt ohne Namen, der 2003 die Firma Hesco vertrat, sagte damals der MAZ: „Was wir machen, ist alles legal. Man muss ein bisschen kreativ sein in der Marktwirtschaft.“ Zumindest für die Staatsanwaltschaft Potsdam war das allerdings zu kreativ und auch nicht mehr legal.

Eine Anklageschrift von 145 Seiten gegen das Ehepaar Reiche, einen Maurer J. und jenen Rechtsanwalt sei inzwischen dem Landgericht Potsdam zugegangen, sagt Gerichtssprecher Frank Thiemann. Das Gericht entscheide jetzt, ob ein Hauptverfahren eröffnet wird. Das könne aber noch etwas dauern. Nach MAZ-Informationen geht es dabei um Delikte wie Untreue, Bankrott und Unterschlagung sowie Beihilfe dazu.

Und noch jemand hält das Vorgehen für alles andere als juristisch einwandfrei: der für die HC Kunststofferzeugnisse GmbH bestellte Insolvenzverwalter, der Berliner Rechtsanwalt Rolf Rattunde. Ein Mann mit Erfahrung, der zum Beispiel an der erfolgreichen Sanierung des Schreibwarenkonzerns Herlitz beteiligt war und derzeit die Pleite der Göttinger Gruppe mit 200 000 geprellten Anlegern auf dem Schreibtisch hat. Rattunde tat nicht das, was wohl viele Verwalter in seinem Fall getan hätten: einfach das Licht auszuknipsen, nachdem er einen Blick auf den komplizierten Fall und die leeren Firmenkonten geworfen hatte. Stattdessen begann er, die Vorgänge akribisch aufzuarbeiten – und einen Zivilprozess vor dem Landgericht Potsdam anzustrengen.

Dort soll nach dem Willen von Rattunde festgestellt werden, dass die Vermögensübertragungen von der alten HC Kunststofferzeugnisse GmbH auf die neue Hesco Kunststoffverarbeitung GmbH nichtig sind und rückabgewickelt werden oder dass Schadenersatz gezahlt wird. Nach MAZ-Informationen soll es um rund drei Millionen Euro gehen. Die Beklagten: alle früheren Hesco-Gesellschafter der Familie Reiche, das neue Unternehmen, der Geschäftsführer Jantzen sowie besagter Potsdamer Rechtsanwalt. Nach mehreren Terminverschiebungen – von Verzögerungstaktik ist die Rede – fand im Juli eine Verhandlung statt, für den 7. September wird nun ein Urteil erwartet.

Diese nahende Entscheidung könnte Anlass für eine weitere Bewegung im Verfahren sein, die sich außerhalb des Gerichtssaals abspielt – denn plötzlich soll Insolvenzverwalter Rattunde abgelöst werden. Und dieses Begehren kommt aus den Reihen der Gläubiger der HC Kunststofferzeugnisse GmbH. Allerdings wird es von einem alten Bekannten vorgetragen: von jenem Potsdamer Rechtsanwalt, den der Insolvenzverwalter zusammen mit anderen verklagt.

Unternehmenssitz auf Zypern

Das klingt merkwürdig, denn der Rechtsanwalt hat damit im Fall Hesco so ziemlich jeden vertreten: die alte Hesco, Henry Jantzen als Geschäftsführer der HC Kunststofferzeugnisse GmbH sowie inzwischen auch die neue Hesco. Und nun tritt er auf der Gläubigerversammlung der HC Kunststofferzeugnisse GmbH auch noch als Prokurist für eine weitere Firma namens Apprich Secur aus Ludwigsfelde (Teltow-Fläming) auf. Diese Firma hat laut Handelsregister den wesentlichen Unternehmenszweck „Umrüstung von Kraftfahrzeugen in Sicherheitsfahrzeuge“.

Doch sie ist ganz offensichtlich noch auf anderem Gebiet tätig: dem Erwerb von Schuldtiteln gegenüber der HC Kunststofferzeugnisse GmbH. So hat die Apprich Secur unter anderem die Ansprüche der Mittelbrandenburgischen Sparkasse (MBS) gegenüber der HC Kunststofferzeugnisse erworben– und sich in den Kreis der Gläubiger eingereiht.

Eine Anfrage über den Grund für dieses Handeln blieb bei Apprich Secur unbeantwortet. Stattdessen schrieb der Potsdamer Rechtsanwalt der MAZ, „von Rückfragen“ gegenüber der Apprich-Secur-Geschäftsführerin „Abstand zu nehmen“. Und das wohl nicht nur in seiner Funktion als Einzelprokurist. Denn Apprich Secur gehört einer auf Zypern eingetragenen Limited mit dem klangvollen Namen LCAR Intermetal and Synthetics – und der stehen laut Registereintrag 114549 eine in Nikosia lebende Person und der besagte Potsdamer Rechtsanwalt als „Director“ vor.

Detailfragen dazu beantwortet der Anwalt nicht, dies sei nicht „von öffentlichem Interesse“, wie er mitteilt. Es sei aber „ein völlig normaler Geschäftsvorgang und gesetzlich zulässig, dass Forderungen käuflich erworben werden und damit vormalige Gläubiger befriedigt werden“, schreibt er. Dies diene sogar „dem Rechtsfrieden“.

Allerdings wurden nach MAZ-Informationen diejenigen, von denen Schuldtitel erworben wurden, über den Verlauf des Insolvenzverfahrens im Unklaren gelassen. Zudem wurde nicht der volle Preis bezahlt, sondern, wie beim Handel mit Insolvenzschulden nicht unüblich, nur die Hälfte des Werts der Außenstände.

Insolvenzverwalter Rattunde will sich gegenüber der Presse nicht zu Details äußern. In einem Schreiben an die Gläubiger, das der MAZ aus diesem Kreis zugespielt wurde, heißt es aber sehr deutlich: „Bis zum Beweis des Gegenteils würde ich in einem Zivilprozess behaupten, dass die Apprich Secur GmbH eine mittelbare Schwestergesellschaft der hiesigen Gesamtschuldnerin ist.“ Das heißt, dass sie mit der alten Hesco zusammenhängt. Es liege daher nahe, schreibt Rattunde weiter, dass der Anwalt nicht nur im eigenen Interesse handele, sondern „möglicherweise sogar im Auftrag der früheren bzw. jetzigen Gesellschafter der Gemeinschuldnerin“.

Oder weniger juristisch ausgedrückt: Nach vier Jahren Wartezeit könnten die Beschuldigten versuchen, günstig die ausstehenden Schulden zum halben Preis aufzukaufen und so Stimmrechte in der Gläubigerversammlung zu erhalten. Auf diesem Weg könnte dann weiter versucht werden, den unbequemen Insolvenzverwalter loszuwerden, über den der Rechtsanwalt schreibt, er habe aus finanziellem Eigeninteresse, da er einen Anteil am erstrittenen Erlös erhält, „unsinnige Klagen“ – zur Erinnerung: auch gegen den Anwalt selbst – eingereicht. Und ohne einen Insolvenzverwalter, der sich in den komplizierten Fall reinkniet, so der Gedanke weitergesponnen, wäre wohl auch der gesamte Zivilprozess vom Tisch – und eine günstigere Ausgangsposition erreicht, falls es zum Strafverfahren kommt. So sieht das auch der Chef der Ludwigsfelder IG Metall, Hermann von Schuckmann, der im Insolvenzverfahren ein Dutzend frühere Beschäftigte vertritt. Dem Anwalt gehe „es darum, das zivilrechtliche Verfahren zu stoppen, weil das sehr, sehr teuer für ihn werden kann“, sagt von Schuckmann. Doch der Forderungsaufkauf „haut dem Fass den Boden aus“, schimpft der Metaller. Dadurch werde „die Taktik von Firmenbestattern um eine Variante reicher“, indem „der Schädiger sich zum Häuptling der Geschädigten machen will“.

Der Kreis schließt sich bei Hesco

Dagegen rät die Gesellschafterin der neuen sowie der alten Hesco, Birgitt Reiche, man solle sich in Luckenwalde mal umsehen, wo Rattunde angeschlagene Firmen abgewickelt habe. Dagegen habe Hesco inzwischen wieder 50 Beschäftigte, die Geschäfte gingen gut. Reiche findet daher, eigentlich „müsste man uns den roten Teppich ausrollen“.

Auch der Potsdamer Rechtsanwalt kann die Aufregung überhaupt nicht verstehen. Er behauptet, es seien nur noch höchstens 25.000 Euro an Gläubigerforderungen offen. Der Rest sei beglichen. Eine Zahl, die Insolvenzverwalter Rattunde „überhaupt nicht nachvollziehen“ kann. Zudem, so der Potsdamer Anwalt, sei Apprich Secur seit einigen Tagen gar nicht mehr Gläubigerin – an wen die Forderung nun übertragen wurde, will er aber nicht sagen. Ganz anders Gesellschafterin Birgitt Reiche: Wie sie gestern der MAZ bestätigte, ist es die Hesco Kunststoffverarbeitung GmbH selbst, die „zum großen Teil“ die von der Apprich Secur als Zwischenstation erworbenen Forderungen aufgekauft hat.

IG-Metall-Vertreter von Schuckmann ist empört. Er findet es „eine Frechheit“, wenn suggeriert werde, es sei kein Schaden entstanden. Viele Lieferanten der alten Hesco stünden auch in Geschäftsbeziehungen mit der neuen Hesco und hätten so wohl auf berechtigte Forderungen verzichtet. Andere Gläubiger hätten auch nur die Hälfte ihres Geldes erhalten. Und nicht zuletzt hätten 30 Leute bei Hesco ihre Arbeit verloren und seien nicht wieder eingestellt worden. „Ist das alles etwa kein Schaden?“, fragt von Schuckmann.

Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung vom 15.08.2007

Nächster Beitrag
Vorheriger Beitrag