Angst vor dem Erfolg

Die Globalisierungskritiker von Attac werden mit Lob überhäuft – und sorgen sich trotzdem um ihre Zukunft

ANDREAS STREIM

Die eindrucksvollste Kehrtwende hat der grüne Außenminister Joschka Fischer vollzogen. Vor einem Jahr, als in Genua 100 000 Menschen gegen das Treffen der acht reichsten Industrienationen (G 8) protestierten, schimpfte er auf die Demonstranten: „Die Frage nach der gerechteren Welt ist Thema des Gipfels, eigentlich müsste man eine Demonstration der Freude veranstalten.“ Den Globalisierungskritikern bescheinigte er „altertümlichen Antikapitalismus“. Und heute? Der Minister hat die Seiten gewechselt und verkündet: „Wäre ich heute zwanzig, wäre ich bei den Aktivisten und nicht in einer Partei.“

Mit seinem überraschenden Umdenken ist der Frontmann der Grünen aber nicht alleine. Auch in der SPD hat man erkannt, dass die Themen der Globalisierungskritiker – allen voran das weltweite Netzwerk Attac (siehe Kasten) – in der breiten Öffentlichkeit inzwischen positiven Widerhall finden. „Die haben keine Ziele“, hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) nach den Genua-Protesten festgestellt. Und Innenminister Otto Schily (SPD) tat die Demonstranten als „Krawalltouristen“ ab. Inzwischen spricht Schröder, ganz im Duktus der Bewegung, vom „riesengroßen Rad und der Weltraumkälte der Globalisierung“. Dass in Wahlkampfreden neben den Chancen auch die Risiken des freien Welthandels betont werden, gehört inzwischen für alle Parteien zum guten Ton – von den Grünen über die Union bis zur FDP.

Ritterschlag durch den Bundespräsidenten

Kein Wunder, denn während die Parteien über einen Mangel an jungen Mitgliedern klagen, kann sich Attac Deutschland kaum vor Beitrittserklärungen retten. Waren im Juni 2001 gerade einmal 430 Menschen in der Bundesgeschäftsstelle im niedersächsischen Verden regisistriert, so sind es inzwischen 7690. Ortsgruppen werden in einem Tempo gegründet, dass die Übersicht im Internet auf dem Stand von Dezember 2001 stehen geblieben ist. „Mehr Gruppen passen nicht mehr auf die Karte“, heißt es dort. In Brandenburg gab es vor einem Jahr noch keinen Ableger, inzwischen sind es immerhin vier: in Cottbus, Frankfurt (Oder), Potsdam und Schwedt (Uckermark).

Den Ritterschlag haben die Globalisierungskritiker aber mit der diesjährigen „Berliner Rede“ durch den Bundespräsidenten erhalten. „Lange schon hat es nicht mehr eine so breite, internationale Protestbewegung gegeben wie die der Globalisierungskritiker“, lobte Johannes Rau. Die Bewegung habe „viel angestoßen, sie stellt die richtigen Fragen.“ Damit ist der Streit um die ungleiche Verteilung des Reichtums ganz oben angekommen auf der politischen Agenda.

Doch statt Jubel macht sich bei Attac Angst breit. „Jetzt droht der Erfolg zum größten Hindernis für Attac zu werden. Wofür Attac, wenn die Forderungen von Attac Regierungspolitik zu werden scheinen?“, fragt Felix Kolb, Mitglied des Attac Koordinierungskreises – so etwas wie der Bundesvorstand der Globalisierungskritiker – im aktuellen Mitgliederrundbrief. Von der Politik umarmt, erdrückt, verschwunden? Sein Kollege Christoph Bautz ärgert sich vor allem über die Scheinheiligkeit der Politiker: „Da ist viel Rhetorik dabei“, sagte er der MAZ. Denn die Entscheidungen würden für die Entwicklungsländer genauso schlecht ausfallen wie zuvor. Deshalb hält er auch nichts von dem Vorschlag des Grünen Daniel Cohn-Bendit, seine Partei solle sich stärker für die Globalisierungskritiker öffnen. Weder wolle man die Grünen als Partei bei Attac haben, noch selbst in den Grünen aktiv werden. „Die Grünen sollen sich verändern“, fordert Bautz.

Attac setzt für die Zukunft auf eine Ausweitung der Themen, um der unerwünschten Umklammerung zu entkommen. „Der Rahmen heißt neoliberale Globalisierung“, sagt Bautz. Aber darin sollen auch Aspekte behandelt werden, die über die Regulierung der Finanzmärkte hinausgehen. Schwerpunkt in diesem Jahr: Der Kampf gegen weitere Privatisierung im deutschen Gesundheitswesen. „Wir können an diesem Beispiel zeigen, dass Globalisierung und weltweite Privatisierungen auch bei uns Auswirkungen haben“, sagt Bautz.

Ein Weg, den auch die Attac-Gruppe in Cottbus geht. „Wir versuchen mit unseren Aktionsreihe ’David gegen Goliath’ das Thema Globalisierung zu regionalisieren“, sagt Gründungsmitglied Michael Nattke. Da geht es dann um das Lausitz-Dorf Horno, das dem Braunkohletagebau weichen soll, oder um das geplante Cottbusser Einkaufszentrum, das von einem großen Konzern gebaut wird. „Das sind Themen, die für jeden greifbar sind“, so der 23-Jährige. Eigentlich ist Attac Cottbus aber als Anti-Kriegsgruppe nach dem US-Angriff auf Afghanistan entstanden. „Wir haben eine Plattform gesucht, um uns zu artikulieren“, so Nattke. Entsprechend lose sind die Verbindungen zum Bundesbüro. Ende August sollen die ostdeutschen Attac-Gruppen zu einem ersten Treffen zusammengetrommelt werden. Bis dahin freuen sich die fünf bis sechs Aktiven in Cottbus – vom „politisch Linken“ bis zum Pfarrer – auch so über den Namen Attac, der „sehr hilft“, wie Nattke sagt. Die Ortsvereine der Parteien unterstützen gerne die Aktionen, die Gewerkschaft Verdi, selbst Attac-Mitglied, stellt Räume zur Verfügung und erlaubt die kostenlose Benutzung ihrer Kopierer.

Etwas, was es noch nie gegeben hat

Bundesweit will Attac aber weniger auf die Hilfe anderer angewiesen sein und professioneller werden. Im Herbst steht der Umzug in die Bankenmetropole Frankfurt am Main an, dabei soll auch die Anzahl der hauptamtlichen Beschäftigten steigen. Die Strukturen des Netzwerks wurden bereits im Mai gestrafft, um dem Mitgliederzuwachs Rechnung zu tragen. Und ein wissenschaftlicher Beirat, besetzt mit prominenten Personen wie den Hochschullehrern Elmar Altvater und Claus Leggewie oder Heiner Flassbeck vom Entwicklungshilfeprogramm der Vereinten Nationen, soll bei der Ausarbeitung neuer Themen helfen. „Wir werden etwas ganz Neues, etwas was es noch nie gegeben hat“, schwärmte Attac-Vorstand Hugo Braun im Mai.

Bei so viel Erfolg und Optimismus fällt die Suche nach Attac-Gegnern zunehmend schwerer. Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung muss sich mit ihrer Studie „Wer oder was ist Attac“ schon mächtig anstrengen, um zum Angriff zu blasen: „Es ist linksextremistischen Gruppen gelungen, entscheidenden Einfluss auf den Kurs von Attac zu gewinnen.“ Um zu diesem Ergebnis zu kommen, betreiben die Wissenschaftler allerdings tiefschürfende linke Ahnenforschung: Attac-Vorstand Peter Wahl soll „bei dem Antiimperialistischen Solidaritätskomitee mitgearbeitet“ haben, das „in den 70er Jahren auf Initiative der DKP entstanden war“. Einmal Kommunist, immer Kommunist? Die andere Seite stützt ihre Kritik auf das hier und jetzt. Linke Gruppen sammeln im Internet unter dem Motto „Organisierung von unten“ fleißig Zitate, die belegen sollen, dass die Attac-Macher vor allem an ihrer eigenen Karriere feilen, anstatt sich für die Abschaffung des Kapitalismus stark zu machen. Ihr Fazit weicht von der Stiftungsstudie ab: Attac sei eine „Staatslinke“ und „Bürgerinitiative der neuen Mitte“.

Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung vom 18.07.2002

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