Billiges Benzin

Autofahrer fühlen sich an der Tankstelle oft abgezockt – aber die Mineralölkonzerne beklagen niedrige Gewinnmargen

Andreas Streim

Ein Liter Super für 1,30 Euro – das sind mehr als 2,50 D-Mark und damit viel mehr, als noch vor wenigen Jahren. Doch bei den Herstellern vergleicht man den Preis lieber mit einer Flasche Wasser. Die sei teurer. Von Andreas Streim Montag ist kein guter Tag für Michel Mallet. Der Deutschland-Chef des französischen Ölkonzerns Total sitzt in seinem Büro im siebten Stock der Firmenzentrale in Berlin und schaut vor sich auf das bunte Kreisdiagramm, das den aktuellen Preis für einen Liter Super wiedergibt. 1,3022 Euro kostet an diesem Morgen der Sprit im bundesweiten Durchschnitt, wie meistens zu Wochenbeginn ist es wieder etwas billiger geworden. Und Mallet macht nun ein winziges Tortenstück auf dem Papier Sorgen. Für 5,05 Cent steht es und es gibt an, was Total Deutschland gerade an jedem Liter verdient, der in den Tank der Kunden fließt. „Eigentlich brauchen wir mindestens sechs bis sieben Cent“, sagt Mallet.

Nur knapp zwei Euro bleiben also in der Kasse von Total nach einem 40-Liter-Volltanken übrig, obwohl der Kunde einen 50-Euro-Schein herüber reicht. Von diesem Betrag müssen aber zum Beispiel nicht nur die Lagerung des Treibstoffs, der Transport zur Zapfsäule oder auch der Bau der Tankstellen selbst finanziert werden, davon müssen auch der Pächter mit seiner Familie leben – und der Konzern seine Verwaltung bezahlen und einen Gewinn für die Aktionäre erwirtschaften.

Finanzsorgen bei einem Öl-Multi – das mögen die meisten deutschen Autofahrer, die sich an der Zapfsäule traditionell abgezockt fühlen, kaum glauben. Gerade in den Sommerferien, wenn jede Preisbewegung besonders aufmerksam registriert wird, vor der Fahrt in den Urlaub oder zurück. Und tatsächlich lag die Bundesrepublik nach einer Studie des Energie-Informationsdienstes bei den Benzinpreisen im Juli auf Platz drei der 27 EU-Staaten, nur in Finnland und den Niederlanden war Sprit noch teurer. Doch das Bild ändert sich, wenn man den Preis ohne Steuern vergleicht. Dann kommt Deutschland nur noch auf Platz 19, gehört also zu den Top-10 der billigsten Länder. Das zeigt auch das Diagramm vor Total-Chef Mallet. Das größte Stück mit 86 Cent ist der Anteil, den der Finanzminister über Öko-, Mineralöl- und Mehrwertsteuer für sich beansprucht.

Warum macht sich dann Total Gedanken über einen oder zwei Cent und erhöht nicht einfach den Preis noch eine Winzigkeit? „Ganz einfach, weil wir nicht allein am Markt sind“, sagt Thomas Kunze, der für die Preisfindung zuständig ist. „Wenn wir 1,30 Euro verlangen und der Konkurrent die Straße runter nur 1,29 Euro, dann ruft unser Pächter an, weil die Kunden bei ihm vorbeifahren“, sagt Kunze.

In Deutschland mit seinem dichten Tankstellennetz sei die Preissensibilität besonders hoch, wird besonders gern der günstigste Anbieter angesteuert. Zwei Cent zu teuer, heißt es in der Branche, und die Tankstelle steht praktisch still. In Frankreich, sagt Bruno Daude-Lagrave, der für das gesamte Total-Tankstellen-Netz verantwortlich ist, läge die Schwelle erst bei etwa sechs Cent, bei kleineren Unterschieden würden die Autofahrer ihrer Stamm-Tankstelle treu bleiben.

Entsprechend genau wird hierzulande auf die Preise der Konkurrenz geachtet. Die Pächter sind verpflichtet, die Daten der umliegenden Tankstellen mindestens einmal am Tag in das Computersystem von Total einzupflegen. Sechs Mitarbeiter von Kunze werten die Angaben in der Zentrale aus und nehmen aufgeregte Anrufe bei plötzlichen Preissenkungen von Aral, Shell & Co. an – und entscheiden dann, wie vor Ort der jeweilige Preis angepasst wird. Per Knopfdruck springt dann die Anzeigentafel um.

So passiert es, dass man morgens auf dem Weg zur Arbeit denkt, heute ist Sprit aber günstig – und auf dem Nachhauseweg sind es plötzlich schon wieder drei Cent mehr. Und womöglich gab es zwischendrin sogar noch ein oder zwei weitere Anhebungen. Und was die Autofahrer oft verärgert: Die Konkurrenz hat bei den Preiserhöhungen mitgezogen. Doch – verbotene – Absprachen, nach denen das Bundeskartellamt derzeit sucht und die Politiker immer wieder anprangern, weist Total weit von sich. Das Problem: Wenn alle Konzerne unter der geringen Gewinnmarge stöhnen, wird das erste Zucken des Konkurrenten nach oben gern mitgemacht. Da braucht es keinen Griff zum Telefonhörer.

“Die Technik hat die Preisänderungen angeheizt“, gibt Kunze zu bedenken. Früher, als die Tankwarte noch von Hand die großen Nummern aufhängen mussten, da habe einer auch schon mal abends um sechs gesagt, „draußen regnet’s, jetzt hole ich die Leiter nicht mehr aus dem Schuppen“. Das würde mancher Tankwart auch heute noch gern sagen, vor allem wenn von der Zentrale eine Preiserhöhung durchgestellt wird. Denn dem Pächter kann der Sprit gar nicht billig genug sein, er bekommt nämlich pro Liter eine fixe Provision, unabhängig vom Literpreis. Die liegt zwischen einem und drei Cent, heißt es, je nach Lage der Tankstelle und ausgehandeltem Vertrag. Leben kann man davon nicht.

“Vielleicht ein Viertel der gesamten Einnahmen unserer Pächter kommt von den Zapfsäulen“, sagt Daude-Lagrave. Der Rest wird über Angebote wie die Waschstraße erwirtschaftet, vor allem aber durch den Verkauf von Cola, Brötchen und Schokoriegeln sowie durch den Backshop. „Der Preis auf der großen Anzeigentafel ist die Eintrittskarte“, sagt Jens Sauermann, der eine Total-Tankstelle in der Prenzlauer Allee in Berlin betreibt. „Ist der Preis gut, ist mein Laden voll.“

Er sieht sich selbst nicht nur als Tankwart, sondern auch als Einzelhändler und Gastronom. Er spricht weniger über die Qualität des Kraftstoffs als über die „mediterran neu gestaltete“ Inneneinrichtung mit der „gemütlichen Sitzecke“ für den Kaffee und das Würstchen zwischendurch.

Nur von diesen Verkäufen hat Total-Chef Mallet nichts. Ihm bleiben weiter nur seine fünf Cent Gewinn. Doch warum versucht der Öl-Multi nicht, den Einkaufspreis des Benzins zu drücken, um seinen Gewinn zu erhöhen? Weil der Preis für alle an der wichtigen Warenbörse in Rotterdam gemacht werde, erklärt Mallet. Der ist für alle Konzerne gleich – und ändert sich noch häufiger als der Literpreis an der Tankstelle.

Von den Notierungen in den Niederlanden ist Mallet abhängig, obwohl das Benzin auch von der eigenen Schwesterfirma, der Total Raffinerie Mitteldeutschland GmbH, also der Raffinerie in Leuna (Sachsen-Anhalt), kommt. Denn es gibt keine Freundschaftspreise. „Wir verkaufen die Produkte an unsere Berliner Schwester auf Grundlage der Rotterdam-Preise“, sagt Raffinerie-Sprecher Olaf Wagner.

Wenn er den Besuchern das weitläufige Raffinerie-Gelände zeigt, auf das 400 Fußballfelder passen würden, und die vielen Zahlen der Superlative nennt, dann zieht er gern auch einen Vergleich: Ein Liter Benzin kostet den Autofahrer weniger als manche Flasche Mineralwasser. Obwohl ungleich mehr Aufwand dafür betrieben werden muss.

Das fängt damit an, dass das Rohöl bereits gut 3000 Kilometer aus Russland zurückgelegt hat, bevor inmitten des Raffineriegeländes die Pipeline endet. Ein unscheinbares schwarzes Rohr mit gerade mal 70 Zentimetern Durchmesser kommt aus dem Boden, bevor die Leitungen mit vielen Kurven wieder in der ersten riesigen Raffinerieanlage, der Destillation, verschwinden. Hier, „in der Mutter der Raffinerie“, wie Wagner sagt, wird das Rohöl in die verschiedenen Vorprodukte getrennt. Denn aus dem Öl lässt sich nicht, je nach Bedarf, mal Super, mal Diesel oder mal Heizöl herstellen, wie es der Markt gerade braucht. Es wird immer alles zugleich gewonnen, aus einer Tonne zum Beispiel 390 Liter Normalbenzin und Super, 460 Liter Diesel, 130 Liter Heizöl und 20 Liter Kerosin, aber auch Methanol, Bitumen und Schwefel.

Und das rund um die Uhr im Vierschichtbetrieb, egal ob die Leute gerade viel tanken oder weniger. Man kann die Raffinerie nicht einfach mal ein paar Stunden abschalten. Rund elf Millionen Tonnen Öl werden so im Jahr in der modernen Leunaer Raffinerie verarbeitet, die 1997 in Betrieb gegangen ist, pro Tag entspricht das 600 Eisenbahn-Kesselwagen.

Die in der Destillation gewonnen Vorprodukte legen einen komplizierten Weg durch die Raffinerie zurück, müssen durch die Entschwefelung und Anlagen mit Namen wie Reformer oder Cracker. Der Betrachter sieht dabei vor allem kilometerlange glänzende Rohrleitungen und riesige Tanks – aber nirgendwo eine Spur von Öl oder Benzin. Das findet sich nur in einigen kleinen Probefläschchen auf dem Fensterbrett in Wagners Büro. Das einzige, was einen daran erinnert, wo man ist, ist ein feiner, süßlicher Duft nach Tankstelle in der Luft. „Das ist das Rohöl“, erklärt Wagner, dessen Geruch vom Wind, der über die Tanks streift, fortgetragen wird.Menschen sieht man auf dem weitläufigen Gelände nur wenige, der Prozess ist hochautomatisiert – aber dafür umso kapitalintensiver. 2,6 Milliarden Euro hat die Raffinerie gekostet, für 120 Millionen Euro entsteht gerade eine neue Entschwefelungsanlage. Und wenn alle fünf Jahre der Tüv kommt, muss alles für zwei Monate stillgelegt werden. Kostenpunkt: 200 Millionen Euro, inklusive Investitionen. Und das sind nur die Ausgaben für eine einzige Raffinerie.

Beim Automobilclub ADAC hält man das für „Jammern, zu dem kein Anlass besteht“. Kraftstoffexperte Jürgen Albrecht macht dazu eine andere Rechnung auf. So seien fünf bis sieben Cent Marge je Liter Super bei einem Preis ohne Steuern von rund 50 Cent „doch gar nicht so schlecht“. Andere Branchen wären froh über solche Anteile. Dazu komme, dass Tanken bei mehr als 40 Millionen Pkw hierzulande „ein Massenmarkt ist, bei dem auch 0,5 Cent Preisunterschied viel ausmachen“, so Albrecht. Wenn man sich die Konzernbilanzen ansehe, dann werde von den Konzernen „wirklich gutes Geld verdient“.

Total-Chef Mallet gibt zwar zu, dass der Mutterkonzern gutes Geld verdient – rund 14 Milliarden Euro waren es laut Geschäftsbericht 2008 – aber die Erschließung eines kleinen Ölfelds würde mehrere Milliarden an Investitionen erfordern. „Das Geld, das wir dafür brauchen, wird sicher nicht an den deutschen Tankstellen verdient“, sagt Mallet und blickt auf das Kreisdiagramm, das immer noch vor ihm auf dem Schreibtisch liegt.

Eine Hoffnung bleibt ihm: Spätestens gegen Abend wird es die erste Preiserhöhung geben. Entweder, weil einer der Konkurrenten vorprescht. Oder weil Total selbst den Vorreiter macht und es darauf ankommen lässt, dass die Autofahrer die eigenen Tankstellen meiden. Und darüber schimpfen, wie teuer Benzin geworden ist.

Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung vom 20.08.2009

Vorheriger Beitrag