Alles wird digital - nur die Schule nicht. Wie dumm.

Ich weiß gar nicht, seit wie vielen Jahren wir darüber diskutieren, dass wir diese Digitalisierung irgendwie in unsere Schulen bekommen müssen. Ja aber, Geräte hinstellen bringt ja nichts! Wieso brauchen wir überhaupt Digitales in der Schule, wichtiger sind doch die ganz analogen Fähigkeiten! Wir fahren alle Auto, aber keiner kann eines bauen - wofür muss dann jeder Programmieren lernen?!

Alles richtig - und doch so falsch.

Ohne Geräte und Internetverbindung geht leider gar nichts. Man kann digitale Fähigkeiten und analoge gleichzeitig entwickeln. Und ich kann mir sehr viele Jobs in Zukunft vorstellen, die ich ohne Auto und sogar ohne Führerschein erledigen kann, aber eigentlich fast keinen, der ohne Digitalkompetenz funktioniert. Aber diese Bedenkenträgerei von meist älteren Männern à la Manfred Spitzer und Lehrerverbandspräsidenten hat dazu geführt, dass wir Zeit verschwendet haben. Nicht unsere Zeit, sondern die unserer Kinder.

Warum können wir nicht auf Leute hören, die etwas davon verstehen - Lehrer zum Beispiel. Die Quittung: Die anderen sind einfach besser als wir. Oder anders gesagt: “Die Bedingungen für das Lernen mit digitalen Medien sind an deutschen Schulen weiterhin alles andere als optimal. Seit 2013 hat sich da wenig verändert. Andere Länder dagegen wie etwa Dänemark, die schon sehr gut waren, sind noch einmal besser geworden.” An der Schule meines Sohnes ist ein Jahr Computerunterricht ausgefallen, weil der Lehrer verstorben war - der einzige, wohlgemerkt, der sich damit auskannte. Und wir wohnen nicht auf einer Hallig mit einer Zwergschule. Ein Jahr haben sie in diesem Unterricht “gelernt”, wie man einen Text tippt und speichert. Und Youtube-Videos schaut. Und in diesem Jahr fällt der Unterricht aus, weil der Lehrer jetzt Englisch unterrichten muss. Er war aber der einzige, der Computerunterricht gegeben hat.

Und dann feiert sich die Große Koalition dafür, dass sie den “Digitalpakt Schule” auf den Weg gebracht hat. Ja, klar, das ist schon toll, dass man den beschlossen hat. Aber wie dadurch jetzt Digitalkompetenz oder gar Informatik-Grundwissen an einer Berliner Grundschule (die geht bis Klasse 6, für alle Auswärtigen) vermittelt werden soll, und zwar noch in dieser, nicht erst in der nächsten Generation, das steht völlig in den Sternen. Und interessiert auch nicht wirklich, weil es ja außerhalb dieser Legislaturperiode liegt.

Ich hoffe für meinen Sohn ja jetzt, dass wenigstens der Englischunterricht gut ist. Dann kann er sich bald die vielen tollen Youtube-Videos anschauen, da draußen, die Grundlagen des Programmierens vermitteln, Aduino-Projekte zum Nachbauen vorstellen oder didaktisch tolle Einführung in Algorithmen beinhalten. In seiner Freizeit natürlich, nicht in der Schule.

Dieser Text ist als Einleitung zur Ausgabe #81 meines wöchentlichen Newsletters “Undisruptable Technology” erschienen, den man kostenlos abonnieren kann: https://www.getrevue.co/profile/astreim/

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#Bildung #Digitalisierung
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