Digitalisierung ist keine Privatsache

Gibt es eigentlich noch irgendwelche Stellenanzeigen, in denen nicht IT-Kenntnisse der einen oder anderen Art verlangt werden? Also von Jobs, die man vielleicht auch haben möchte? Und kann man eigentlich noch verstehen, wie unsere Welt funktioniert, wenn man nicht Grundkenntnisse rund um Computer und Informatik hat?

Wenn man sowas sagt, bekommt man gerne auch zu hören: Nö, man braucht keine solchen Kenntnisse, man muss ein Auto auch nicht reparieren oder bauen können, um es fahren zu dürfen. Stimmt, das Blöde ist nur: Selbst um Autos zu verstehen wird man künftig weniger was von Mechanik verstehen und Schraubenschlüssel benutzen können müssen, sondern auch dafür ist bald IT-Wissen unerlässlich. Tesla spielt zum Beispiel ein Software-Update auf seine Modelle ein, wodurch diese einen Autopiloten erhalten. Nochmal: Man muss kein neues Auto kaufen, in eine Werkstatt fahren oder sowas, nein, die Software verändert die Fähigkeiten des Fahrzeugs, genau wie beim Smartphone.

Nur ein Beispiel dafür, dass unsere Wirtschaft und Gesellschaft sich rasant digitalisiert. Nur um unsere Schulen, da soll diese Digitalisierung bitteschön einen großen Bogen machen. Da sieht dann “Computer in der Schule” immer noch so aus:

Computer in der Schule

Das Bild wird bestätigt, wenn man sich die aktuelle Bitkom-Studie in Zusammenarbeit mit dem Lehrerverband VBE und der Messe LEARNTEC anschaut. Demnach sind Computer & Co. weder im Unterricht angekommen noch gibt es annähernd ausreichend digitales Lehrmaterial. Gleichzeitig sehen die Lehrer große Vorteile durch digitales Lernen und wünschen sich dringend mehr Weiterbildungsangebote.

Das Problem an der Sache ist, dass man an so vielen Stellen ansetzen müsste. Die Ausstattung mit Geräten verbessern. Für digitale Lerninhalte sorgen. Die Lehrer qualifizieren. Und. Und. Und. Und weil das so schwierig ist, machen wir am liebsten gar nichts.

Dabei - und die Zahl finde ich beeindruckend - würde es weniger als eine Milliarde Euro kosten, allen Schülern in Deutschland ein Tablet zur Verfügung zu stellen. Eine Milliarde Euro - das ist ja nicht mal die Investition in eine mittelgroße angeschlagene Landesbank oder ein Bruchteil dessen, was wir zur Verschrottung fahrbereitet Autos im Zuge einer Pkw-Absatzkrise in die Hand nehmen können.

Damit wären bei weitem nicht alle Probleme gelöst, aber wenn man eine einheitliche technische Basis hätte, wäre es plötzlich für Lerninhalte-Anbieter, aber auch für Start-ups interessant, Angebote zu entwickeln. Weil es dafür eine Zielgruppe und einen Markt gibt. Und man hätte die Infrastruktur, um zum Beispiel auf eine Schulcloud zuzugreifen, die HPI-Direktor Meinel angeregt hat.

So wenig wie es Privatsache ist, ob man Lesen oder Rechnen lernt, so wenig darf die Vermittlung von Kompetenzen in der digitalen Welt Privatsache sein. Wenn uns das nicht mal solche eher niedrigen Summen wert ist, werden wir in nicht allzu ferner Zeit ein ernsthaftes Problem haben. Und wenn wir auf dem Weg dahin den Bildungsförderalismus ein wenig beschneiden müssten, dann muss das eben sein. In anderen Fragen lassen sich Positionen, die diese Republik seit Jahrzehnten begleiten, auch binnen Wochen räumen.

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#Bildung #Computer #Digitalisierung #Schule
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