Bloß keine schlauen Kinder

Manchmal hat man den Eindruck, dass Bildungspolitiker in Deutschland ihre Hauptaufgabe darin sehen, dass wir hierzulande bloß keine zu schlauen Kinder bekommen. Da gibt es eine überwältigende Mehrheit von Eltern, Schülern und sogar Lehrern, die sich vehement für ein Pflichtfach Informatik einsetzen, aber nur zwei oder drei Bundesländer, in denen sowas ähnliches Realität ist. Und jetzt? Jetzt schafft Baden-Württemberg Informatik ab - und ersetzt das Fach durch fächerübergreifende Medienbildung.

Jetzt gehört fächerübergreifende Medienbildung sicher zur Kernaufgabe der Schule, aber eben nicht auf Kosten der Informatik. Denn während es bei der einen Sache in erster Linie um Anwenderkompetenzen geht, müssen wir unseren Kindern auch Grundlagen der IT beibringen, die ihnen sozusagen (erste) Anbieterkompetenzen vermitteln. Wir brauchen nicht nur junge Menschen, die ihre Privatsphären-Einstellungen in Sozialen Netzwerken verstehen oder ihr Smartphone bedienen können, sondern wir brauchen junge Menschen, die Ideen für neue Apps haben und die wissen, wie man eine App oder Webanwendung erstellt. Ja, es geht bei Informatik nicht alleine um Programmieren, aber es geht eben auch um Programmieren. Denn in der Digitalen Welt wird künftig gelten: Program or be Programmed.

Das Problem ist: Wenn das Thema in der klassischen Bildungspolitik bleibt, dann sind die Veränderungszyklen irgendwo im zweistelligen Jahresbereich und wenn das Thema App und Plattform-Ökonomie den üblichen Weg in den Lehrplan geschafft hat, dann dürfte da draußen in der realen Welt und von den Start-ups im Silicon Valley ganz zu schweigen, schon was ganz anderes Thema sein. So wie man heute froh sein muss, dass es in fast allen Schulen Internetanschlüsse und irgendwelche Computerräume gibt. Mobile? Tablet? E-Book-Reader? Fehlanzeige. Da reden wir in 10 Jahren drüber.

Ich schaue ein wenig mit Schrecken darauf wie das wohl wird, wenn der erste Sohn in die Schule kommt. In der Kita ist Lernen noch komplett analog (außer einem Lern”computer”, auf dem ein merkwürdiges, aber sehr begehrtes Spiel läuft) und in der Verwaltung ist das Höchste der Gefühle, dass die Leitung einen Dreizeiler als Word-Dokument abspeichert und an eine Mailingliste schickt. Ja, zugegeben, hier wäre bei einer Teamfortbildung vielleicht das Thema Medienkompetenz gar nicht so schlecht. Und ehrlich gesagt würde es auch bei den Kindern gar nicht wirklich schaden, denn natürlich spielen fast alle mehr oder weniger oft auf Smartphones und Tablets der Eltern irgendwelche Sachen und man wundert sich, wie schnell sie sich das Bedienungsgrundzüge aneignen.

Aber in Berliner Schulen gilt ja eine funktionierende Toilette bereits als Luxus-Ausstattungsmerkmal. Auf Digitales und Digitalisierung mag ich da gar nicht hoffen. Ich befürchte, dass das individuell den Kindern, die wir heute in die Schule schicken, auf die Füße fallen wird, wenn sie sich die notwendigen Fähigkeiten nicht anderswo, etwa im Elternhaus, aneignen können. Und das hat dann auch Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Denn ohne Digitale Souveränität wird es in Zukunft ganz schön schwer sein, in irgendwelchen Industrien und Wirtschaftsbereichen, vom Automobilbau bis zur Luftfahrt, von der Touristik bis zur Landwirtschaft, noch ganz oben mitzuspielen und für entsprechenden Wohlstand hierzulande zu sorgen. Davon werden dann wieder alle betroffen sein, Schulen ebenso wie Rentner, Beamte ebenso wie dann vielleicht nicht mehr Berufstätige. Denn wie gestern Bundeskanzlerin Angela Merkel doch recht treffend festgestellt hat: “Many jobs will disappear because they can be replaced by machines. But I’m convinced that many more jobs will be created through the value of data.”

Letztlich heißt das: Die Digitalisierung der Schulen, die Anpassung der Lehrpläne, muss Chefsache werden. Nur so können die sich gegenseitig ausbremsenden Länder und die Zersplitterung der Bildungslandschaft (wer will digitale Lernmaterialien entwickeln für 16 verschiedene Bundesländer mit unterschiedlichen Zielen, Konzepten, Plänen etc.?) überwunden werden. Notwendig wäre dafür vermutlich ein Konsens unter den Parteien, dass es hier um eine zentrale Zukunftsfrage geht. Wir bräuchten sozusagen partei- und ressortübergreifende Medienkompetenz. Aber das ist dann vermutlich noch schwieriger zu erreichen als dichte Fenster in Berliner Grundschulen.

Tags
#Bildung #Digitale Souveränität #Digitalisierung #Informatik #Medienkompetenz #Schule
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